Italien erwartet uns – oder?

Wenn ich so auf die vergangenen 12 Monate zurückblicke, kommt mir vieles unwirklich vor. Keine Präsenzkurse mehr seit dem 16. März, keine italienischen Veranstaltungen, keine Intensivtage und – keine Sprachreisen. War ich dieses Jahr tatsächlich nur 4x in Italien? Von 365 Tagen nur 20 Tage im Belpaese? Sonst ist es quasi die Hälfte des Jahres, dass ich in meiner zweiten Heimat bin. Doch nun, zum Ende des Jahres 2020, darf ich erkennen: Es ist nicht die Anzahl an Tagen, die zählt – rückblickend weiß ich die wenigen Auszeiten als besonders wertvoll zu schätzen.   

Skifahren am Monte Bondone – Eintauchen in den Zauber der Serenissima – Unberührte Natur im Valle dei Laghi 

Das ungezwungene, heitere und von vielen spontanen Aktionen geprägte Zusammensein Ende Januar im Trentino: gemeinsames Skifahren, gemeinsames Essen, Stadtbummeln, Shoppen und Fotos machen. Winter-Fotos und Winter-Film für unser Valle dei Laghi Buch.

Nicht einmal ansatzweise ahnten wir, was auf uns zukommen sollte.  

Das menschenleere Venedig unmittelbar nach dem ersten Lockdown: ein Venedig mit verrammelten Hotels, ungenutzt in den Kanälen liegenden Gondeln und einer Stille, die sprachlos machte. Venedig, das Sinnbild für Massentourismus, entfaltete seinen Zauber ungefiltert. Eine schwere Traurigkeit lag über der Stadt – und doch erlebte ich sie und meine venezianischen Freunde erleichtert und heiter wie selten zuvor. 

Das Trentino Anfang und Ende September: eine von der Sonne verwöhnte Zeit. Geschenkte Wochen. Wenige ausländische Touristen, obwohl die Region nie ein Hotspot war. Viele einheimische Touristen, die mit Begeisterung die Region erkundeten. Und viele Einheimische, welche die Zeit und das Wetter nutzten, um Atem zu schöpfen, Freude und Energie zu tanken für die erwartete zweite Welle.  

Und nun? Italia ci aspetta – Italien erwartet uns!

Ist es blauäugig dieses Motto zu formulieren? Es ist zumindest optimistisch!   

r mich selbst bedeutet es … 

…. ein Wiedersehen mit lieben Freunden, die ich teilweise seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Nicht nur der Pandemie geschuldet, sondern auch der vermeintlichen Gewissheit, dass ich ja einfach nur ins Auto oder den Zug steigen muss, um sie zu sehen …   

… unsere gefühlte Zusammengehörigkeit zu leben. Zoom-Sessions mögen dabei helfen, Distanzen abzubauen. Doch nebeneinander zu sitzen, gemeinsam gleichzeitig (nicht zeitversetzt …) über etwas zu lachen und an der kleinsten Reaktion zu erkennen, was der andere gerade denkt, ist nur offline möglich. Restaurant-Besuche, spontane Badeausflüge oder ein Treffen in der gelateria sind keine Plattitüden, sondern gelebtes Miteinander.  

 … endlich wieder tagtäglich italienisch zu sprechen, italienisch zu denken. Auch wenn ich durch meine vielen lezioni, die ich in einer Woche gebe (11 Kurse!), immer drin bin in der Sprache. Es ist doch etwas anderes mit meinen italienischen Freunden zu kommunizieren. Alltagsdinge italienisch zu sehen, italienisch zu kommentieren und die deutsche Mentalität dafür abzuschütteln.  

 … ‚raus zu kommen‘. Aus meinem von hundert ach so wichtigen Dingen geprägten Trott, meiner angestammten Kultur, die mir Sicherheit gibt – mich aber auch in Trägheit verharren lässt. Mich der anderen Kultur zu stellen, meine eigene zu hinterfragen, nachzudenken und bewusst etwas zu ändern. Schönheit zu erfahren: landschaftliche wie kulinarische wie menschliche.

 In einem Wort: LEBEN   

 Für mein Business bedeutet es … 

… meine Studenti endlich wieder Italien so erleben zu lassen, wie sie es sich erträumen: mit allen Sinnen. Weg von den üblichen Touristenrouten, aber doch mitten drin. Immer im Kontakt mit meinen italienischen Freunden, damit sie ihr mühsam gelerntes Italienisch anwenden können. Meine geheimen Plätze kennenlernen, die ich ihnen zeige – aber auch nur ihnen. 

… meinen Studenti Motivation zu geben: wenn sie ewig nur für den Kopf lernen und ihre Kenntnisse nicht in Italien anwenden können, ist’s irgendwann vorbei mit dem Durchhaltewillen. Da mag der Kurs noch so gut sein. Es bedarf eines Ankers, eines Aufhängers – eines Ziels: Italien! 

… die Gemeinschaft meiner Studenti noch enger werden zu lassen: sich auszutauschen, gemeinsam zu lernen, gemeinsam zu lachen, gemeinsam zu essen, eine Weinprobe zu machen oder einen Gipfel zu stürmen. Wunderbare Erlebnisse zu haben und gemeinsame Erinnerungen zu schaffen, verbindet mehr als jeder Urlaub. 

… meinen italienischen Freunden wirtschaftlich zu helfen: sie alle sind unmittelbar von der Pandemie betroffen, sei es als Dozenten, als Gästeführer, Hotelbesitzer oder Restaurantbetreiber. Auch wenn die Hilfen der deutschen Regierung schleppend sind und nicht immer am richtigen Ort landen – es gibt sie. In Italien ist bislang wenig bis gar kein Geld für die Betroffenen eingegangen. 

… meinen italienischen Freunden Zuversicht zu geben: wir lassen sie nicht im Stich, wir kommen wieder, wir wollen sie unterstützen. In jeder Geste, in jeder Reise – so kurz sie auch sein mag – liegt ein Hoffnungsschimmer. 

… dass nicht nur Italien uns erwartet, sondern ich auch eure rege Teilnahme an den vielen tollen Projekten, die ich für euch geplant habe. Als wunderbarer Nebeneffekt füllt sich dadurch auch wieder mein Bankkonto. 

Und auch wenn dies alles im Moment unrealistisch scheint, abgehoben und ohne Fundament – so lässt es mich doch träumen. Träumen von einem Ende der Pandemie, von einer Rückkehr zur Spontaneität – und  

von meiner ersten Fahrt über den Brenner … ! 

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