Gerade bin ich aus Venedig zurückgekehrt – fünf wunderbare Tage mit dem Höhepunkt der Festa del Redentore – dem venezianischen Fest per eccellenza! Es ist immer wieder eine ganz besondere Stimmung, die ab Samstag Nachmittag in der Luft liegt. Die Jugend: schwer bepackt mit Ruck- und Schlafsäcken, Kühlboxen und Musikanlagen. Die etwas älteren Semester: schick her gerichtet und leise plaudernd. Doch bei allen ist diese gespannte Vorfreude zu spüren: bald ist es soweit! Denn die Festa del Redentore ist für Venedig wie das Oktoberfest für München – nur quasi ohne Touristen!

Als ich das erste Mal an der Festa del Redentore teilnahm, war ich schwer beeindruckt: über Boote, die miteinander verbunden waren, ging man – ziemlich schwankend – von den Zattere zur Giudecca hinüber. Seit einigen Jahren wird ab Samstag-Vormittag der Canale di Giudecca für den Bootsverkehr komplett gesperrt und eine Pontonbrücke gebaut. Nicht einmal die Vaporetti dürfen fahren. Um 19.00 Uhr ist die feierliche Eröffnung der Brücke (mit Bürgermeister, Pfarrer, Honoratioren etc.) und dann gibt es quasi kein Halten mehr … Auf dem Wasser herrscht Partystimmung, rechts und links der Brücke liegen Schiffe, Boote und Caorline, junge Leute tanzen darauf zu lauter Musik und feiern. 

Venedig Reisebericht: Festa del Redentore

Wie das diesjährige Festa del Redentore verlief, verrate ich Dir in diesem Artikel. Aber natürlich auch, was meine Studentesse in den 5 Tagen bei ‚Venezia – studiare festeggiando‘ erlebt haben und ganz besonders, wie es zu meinem Titel kam:  Möwen auf Raubzug – Warum man in Venedig seine Cichetti gleich essen sollte.

Sprachreise nach Venedig: Reisebericht - Einen Parkplatz in Venedig finden

Einen Parkplatz in Venedig finden

Mit dem Auto nach Venedig zu fahren, ist eigentlich der absolute Blödsinn – doch wenn man wie ich Unterrichtsmaterialien mit sich schleppt und so manche Mitbringsel für die venezianischen Freunde, dann bietet sich das Auto an. Eigentlich auch kein Problem: die Strecke kenne ich auswendig, ‚meine‘ Parkgarage kenne ich auch und der Weg zur Unterkunft ist von dort locker lässig in 10 Minuten zurück zu legen. Doch diesmal (18. Juli) war weder in der einen (Garage Comunale), noch in der anderen (San Marco) Platz, auch Tronchetto signalisierte: ausgebucht! Oh je, was tun?

Da half nur eine gewisse Unverschämtheit – gepaart mit (sehr guten) Italienischkenntnissen: nichts wie raus aus dem zwischen vielen anderen Autos stehenden Wagen, einen der Parkwächter anquatschen, von der vergeblichen online-Buchung erzählen, die vielen Besuche vor Ort erwähnen und auf die Bitte (mi devi un caffè o due) eingehen und schwupp, schon hatten wir einen Parkplatz bis zum 23.7! Ich liebe die italienische Spontanität!  

La Traviata im Palazzo Barbarigo Minotto

La Traviata im Palazzo Barbarigo Minotto

Wenn Giorgio Germont von seiner Liebe zu Alfredo, dem Sohn, singt, könnte ich dahin schmelzen. Bei Musica a Palazzo erlebt man Oper wie sie wohl einst gewesen ist: Das kleine Orchester, bestehend aus einer unglaublich begabten jungen Pianistin, einer ebenso jungen und nicht minder fähigen Violinistin und einem reifen, sehr spielfreudigen Cellisten, begleitete die drei Hauptpersonen (Violetta, Alfredo, Germont) in den drei Akten einer wahrlich konzertanten Aufführung. Wir Zuschauer (maximal 70 Personen) wanderten mit ihnen bei Kerzenschein vom großen Vestibül in die Sala Tiepolo und weiter zum Alkoven, wo Violetta hingebungsvoll starb. In der Pause gab es – in Anspielung auf das grandiose Trinklied ‚libiamo i felici calici‘ – einen calice di prosecco oder Wasser oder Orangensaft und den unmittelbaren Blick auf den Canal Grande! 

Einzig, dass Alfredo und Germont quasi gleich alt waren, störte ein bisschen. Ansonsten war es – wie immer – ein großartiges Erlebnis!

Lezione di cucinca - der Chefkoch des Palazzo Gritti gibt sich uns die Ehre

Lezione di cucina – der Chefkoch des Palazzo Gritti gibt sich (uns!) die Ehre

Der Schrecken war groß, als ‚meine‘ Lieblingsköchin mir kurzfristig absagen musste, doch wie so oft im Leben bewahrheitete sich der Spruch: es gibt immer eine neue Chance. Und so gestaltete sich der Kochkurs  von Michele Cabianca zu einem Feuerwerk an Qualität und Genuss! Eigentlich hätte es uns genügt, Michele die ganze Zeit nur beim Kochen zuzuschauen: es war hinreißend, mit welch großer Leidenschaft und Liebe er die verschiedenen Speisen erklärte und zubereitete. Doch natürlich wollten und durften auch wir aktiv werden.

Und so kochten wir eine raffiniert einfache Parmigiana (als Fingerfood!), zwei verschiedene Pasta mit unterschiedlichen Sughi, marinierten den frisch gekauften Thunfisch und verspeisten ihn auf einer köstlich frischen Tomaten-Kapernapfelvinaigrette. Als Entrée hatten Michele und sein Assistent Mattia für uns  Bruschette mit einer Ricotta-Basilikum-Limone Mischung vorbereitet, die wir zum gekühlten Prosecco genossen. Als Abschluss gab es die von uns eigenhändig zubereitete Panna Cotta mit Basilikum, Pfeffer und in Essig marinierten Erdbeeren. Herz was willst du mehr?

Dass der Blick aus seiner Wohnung im 5. Stock auf einen Canale geht und im Hintergrund der Campanile di San Marco zu sehen ist, erwähnte ich bereits? Der Kochkurs war in allen Belangen ein Erlebnis der Sinne. Kein Wunder, dass eine der Teilnehmerinnen sich sofort als Untermieterin anbot! Der anschließende Sprachunterricht verlief sehr locker und angeregt plaudernd: hatte er doch ‚mangiare a Venezia‘ zum Thema!

La feste del Redentore

La Festa del Redentore

Ganze 40 Minuten dauerte das diesjährige Feuerwerk zur Festa del Redentore. Und laut der anwesenden Venezianer war es il più bello mai vissuto!

Nachdem wir uns endlich bis zum Garten der Zitelle durchgekämpft hatten (und es war manchmal wirklich ein Hin- und Hergeschiebe, zwischen all den Leuten, die auf die Giudecca und zu ihren Plätzen wollten), erwartete uns  ein großartiges Vorspeisenbuffet – mit Blick auf den Lido und die kleinen, eher unbekannten Inseln La Grazia, S. Clemente e Sacca Sessola. Der von Arco Arcuti organisierte Abend ist stets wie ein Treffen unter Freunden: der Garten ist mit Lampions geschmückt, jeder Tisch hat seinen Namen und es herrscht ein fröhliches Chiacchierare. Das ganz Besondere an diesem Event:  alle Einnahmen gehen in ein Kinderheim nach Brasilien! Und so wurde auch die für Italien so typische Tombola mit großem Gelächter, viel Lärm und noch mehr Beifall gelebt. Wir waren unter all den Venezianern und Italienern die einzigen ausländischen Gäste und genossen die Stimmung ungemein: Wann kommt man schon einmal in einen so schönen Privatgarten mit so einem tollen Blick?

Als das Feuerwerk um 0.15 Uhr vorbei war, wurden die typischen venezianischen Esse gereicht: dem Canal Grande nachempfundene sehr trockene Biscotti, die in eine köstliche Zabaione getunkt wurden. Che delizia! 

Stadtführung auf den Spuren der Pest

Stadtführung auf den Spuren der Pest

Was hat es mit diesem Kapitell auf sich, auf das uns Susanne, die – für mich beste – Stadtführerin Venedigs, in der langen Reihe an Säulen des Dogenpalasts aufmerksam macht? Ein ganzes Leben ist hier, fein ziseliert, dargestellt! Die jungen Leute, die sich scheu begegnen, die ersten zaghaften Annäherungen, die Eheschließung, die Bettszene (16. Jhd!), das Kind und schließlich ein Sarg, an dem die Eltern sitzen. Es sind Szenen der Pest, die hier überaus anschaulich dargestellt werden – wenn man denn weiß, wo man hinsehen darf!

Wir trotzten der großen Hitze, suchten den Schatten und kamen doch von der Markussäule (ja, er hatte bereits damals davon geträumt, einmal in Venedig begraben zu sein …), über die Piazza San Marco (kein anderer Platz in Venedig darf sich piazza nennen) bis zum Maskenmacher am Piccolo Museo di Antonio Vivaldi – dort, wo noch ursprüngliche, echte Masken hergestellt werden. Genau solche, die damals die Pestärzte anlegten, um sich gegen die Pest zu schützen. 

Wusstest Du, dass das Weiße Haus seinen Namen aus Venedig hat? Auch Amerika wollte ein so schönes, weißes Haus haben wie den Palazzo Ducale di Venezia! Die Farbe hat geklappt, über alles andere hülle ich mich in Schweigen. 

   Bevilacqua - den Frauen sei Dank!

Bevilacqua – den Frauen sei Dank!

Ganz versteckt und unscheinbar liegt die letzte Weberei Italiens in Santa Croce, zufällig kommt hier niemand vorbei. Einmal in die Werkstatt geführt, meint man eine Zeitreise unternommen zu haben: mindestens drei Jahrhunderte müssen zwischen dem Jetzt und dem Hier liegen! 

Gerade wurde der Wandbehang für die Dresdner Residenz fertiggestellt: drei Jahre lang haben bis zu drei Weberinnen täglich daran gearbeitet. Bei meinem letzten Besuch (Ende März) sah ich ihn noch in der Endphase. Nun warten schon wieder neue, arbeitsintensive Aufträge auf die tessitura Bevilacqua. Es sind (sehr reiche) Privatpersonen, Institutionen, aber auch die Alta Moda, die hier fertigen lässt. Der Webstuhl steht keine Minute still, es knarzt und knackt beständig und die jungen Damen treten kräftig in das Pedal, um das Schiffchen zu bewegen. Eine körperlich absolut herausfordernde Arbeit! Teresa, eine der Mitarbeiterinnen, meinte daher auch: non ho bisogno della palestra (ich brauche kein Fitness-Studio). 

Weshalb in der Weberei Bevilacqua nur Frauen arbeiten? Die Männer waren zu ungeduldig, Um dreißig (!) Zentimeter des edlen Velluto soprarizzo zu erstellen, bedarf es nämlich eines ganzen Tages – zu lange für die meisten Herren! Und so kommt es, dass die Herstellung der Stoffe seit gut 100 Jahren allein in Frauenhand liegt!

Cichetti - und warum man sie gleich essen sollte

Cichetti – und warum man sie gleich essen sollte

Entspannt standen wir an der Fondamenta, betrachteten die letzte Werft Venedigs, lo squero di San Trovaso, und freuten uns auf die köstlichen Cichetti, die wir soeben erstanden hatten. Da passierte es:

Aus dem Nichts (zumindest erschien es uns so) stürzten sich zwei Möwen auf unsere Teller und mit 4 (!) Crostini im Maul flogen sie pfeilschnell von dannen. Dabei hätte ich doch gewarnt sein sollen! Letzthin war einer Bekannten Ähnliches am Campo Santa Margherita mit ihrer Pizza passiert… Nun, wir standen ziemlich verdattert da und die umstehenden Gäste hielten sich mit guten Ratschlägen nicht zurück.  Aber aus Schaden wird man klug: die restlichen Cichetti aßen wir im Schutz der Hauswand, peinlich darauf bedacht, den Möwen keine weiteren Angriffe zu ermöglichen. Und schon hatten sie sich ein anderes Opfer ausersehen … 

Cichetti sind die venezianische Version der Tapas, Stuzzichini, Magentratzer: Jede Bar hat ihre ganz eigene Art z.B. die salzigen Kleinteile zuzubereiten. Mal als Crostini (geröstete Brotscheiben), mal mit Pane integrale, dann wieder auf Weißbrot. Allen zueigen sind die köstlichen Aufstriche: baccalà (Stockfisch), tonno (Thunfisch), gamberetti (Krabben), gorgonzola con noci e miele (Gorgonzola mit Nuss und Honig), verdura (Gemüse), caprese (Tomaten, Mozzarella, Basilikum) … und dann gibt es natürlich auch noch Kartoffelspieße, polpette, olive ascolane und und und … 

Italienisch lernen in Venedig

Italienisch lernen in Venedig  

Das einzige weiße (sic!) Gebäude am Campo San Stin beherbergt ‚meine‘ Sprachschule in Venedig. Als ich meinen Master in Didattica d’italiano LS an der Ca‘ Foscari machte, war mir bereits klar, dass Venedig mein zweiter Standort (neben Trento) in Italien werden sollte. Und so hielt ich Ausschau nach einer Schule, mit der ich zusammenarbeiten wollte und die meine Ideen des Lehrens und Lernens teilte. Hier wurde ich fündig! Seit 5 Jahren nun arbeiten wir zusammen und meine Studenti sind begeistert: Diego und seinem Team gelingt es, auch die schüchternsten, perfektionistischsten und zweifelndsten Teilnehmer zum Sprechen zu bringen. So, dass sie auch nach dem Unterrichten weiter Italienisch reden wollen! Eine Kostprobe gefällig?

Sandra, bereits mit – brachliegenden –  Vorkenntnissen, war nach der ersten Einheit absolut frustriert: ‚‚das ist mir alles zuviel, ich bin total blockiert“ meinte sie. Neunzig Minuten später begrüßte sie mich: “Gitta, das ist der totale Wahnsinn! Ich kann auf einmal sprechen!“ Was war passiert? Nun, Laura, l’insegnante, hatte nicht nachgegeben, sie immer wieder in die Gespräche integriert, liebevoll, aber hartnäckig insistiert und dann war der Knoten geplatzt … 

Dass die Sprachschule mitten in der Altstadt in einem historischen Palazzo liegt und als Unterrichtsort unter anderem der private Cortile genutzt wird, finde ich überaus charmant. Etwas ganz Besonderes ist jedoch das persönliche Engagement: die ganze Familie kümmert sich um das Wohlergehen der Studenti und verabschiedet diese stets mit einem guten Tipp. Am Ende der Woche gibt es gar ein pensierino  di Venezia (kleines Erinnerungsstück aus Venedig)! 

Das waren Eindrücke aus der letzten ItalViva Sprachreise nach Venedig. Wenn Du mehr darüber wissen möchtest oder selbst  einen Lieblingsort in Venedig hast, freue ich mich sehr über Deine Rückmeldung! 

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