Täglich ziehen bis zu 80.000 Touristen durch die Stadt – und folgen der üblichen Route: Ferrovie – Rialto – San Marco – und wieder zurück. Dass Venedig sehr viel mehr ist und abseits der überlaufenen Calli noch kleine Handwerksläden, einsame Plätze und versteckte Gärten birgt, wissen viele der ‚turismo mordi e fuggi‘ Touristen nicht. Um Venedig richtig kennen zu lernen,  muss man die Stadt ergehen – abseits der Touristenpfade und nicht auf einem der überfüllten Vaporetti.

Ich verrate Dir meine 7 Geheimtipps, wo Du noch das echte venezianische Leben mitbekommst und nicht als lästiger Tourist gesehen wirst! 

Sprachreise nach Venedig: Frühmorgens den Markusplatz genießen

Tipp Nr. 1 – Venedig am Morgen erleben

Langsam erwacht die Piazza San Marco zu Leben. Ein leichter Dunst hängt über dem Bacino, in der Ferne hört man die Rufe der Müllmänner, die ihre noch leeren Wägen über die kleinen Brücken hieven. Aus der nahegelegenen Bar strömt ein verführerischer Duft nach Caffé und frisch zubereiteten Brioche. Vereinzelt eilen Geschäftsleute über den Platz, ansonsten ist er menschenleer.

Das ist meine Lieblingsstunde in Venedig, jetzt ist Venedig die ‚Serenissima‘ (die Durchlauchtigste), die ‚citta sulle acque‘ (die Stadt auf dem Wasser) in ihrer ganzen Schönheit.

Cafe Florian am Markusplatz

Tipp Nr. 2 – Cafe Florian am Markusplatz

Jetzt höre ich Dich schon sagen: Was? Dieses völlig überteuerte Café, wo nur Touristen hingehen? Ja – genau, das. Denn, wenn Du weißt, wo Du Deinen Caffè trinkst, ist das Café Florian auch nicht teurer als andere Bars in Venedig! Wenn das Florian um 09.00 Uhr öffnet, gehst Du ganz einfach durch das Café durch und nach links, zur Bar. Dort stehen freundliche Baristi, die Dir für 3,50 Euro eine heiße Schokolade oder einen köstlichen Cappuccino zubereiten. Dazu ein kleines Süßteil. Ist zwar etwas teurer als in manchen anderen Bars, aber dafür hast Du das wunderbare Ambiente des ältesten Cafés Venedigs. Wenn Du zur Happy Hour kommst, gibt es den Spritz für 6,00 Euro und dazu noch ganz viele der sogenannten Cichetti: köstliche Tramezzini, Crostini, Oliven, Erdnüsse, Kapern. Die einzige ‚Bedingung‘: Du bleibst im Barbereich (sollten die Barhocker frei sein, einfach hinsetzen – kostet in diesem Falle auch nicht mehr)!

Sant'Elena, die grüne Lunge von Venedig

Tipp Nr. 3 – Sant’Elena

Die letzte Insel des Centro Storico ist Sant’Elena, die grüne Lunge der Stadt. Wenn Du gerne gehst, ist es vom Markusplatz ein Spaziergang von etwa 30 Minuten. Über die Seufzer-Brücke (Ponte dei sospiri), immer weiter am Bacino entlang, am Arsenale vorbei auf die Riva dei Sette Martiri. Es lohnt sich immer wieder eine kleine Pause einzulegen und einfach nur zu schauen: das glitzernde Wasser, der Lido, San Giorgio … Dann kommt schon die Brücke zu den Giardini, bereits hier wird es wunderbar grün und dann noch eine Biegung, eine Brücke und eccola: l’isola di Sant’Elena. Und auf einmal hast Du das Gefühl, an einem ganz anderen Ort zu sein: Stille, frische Luft, Einsamkeit, vereinzelt Rufe der Bewohner. Hierhin verirren sich kaum Touristen – nur solche, die ein bisschen Ruhe genießen wollen. Wenn Du willst, kannst Du Dich auf die Grünflächen legen und einfach genießen! Wer lieber mit dem Vaporetto fährt, nimmt die Nr. 1 von der Haltestelle S. Zaccaria (Markusplatz) bis Sant’Elena.

Musica a Palazzo erleben

Tipp Nr. 4  – Musica a Palazzo

Das Fenice (mit vollem Namen: Gran Teatro La Fenice di Venezia) kennt fast jeder. Wunderbare Aufführungen sind hier in einem tollen Rahmen zu besuchen. Doch für mich noch viel eindrucksvoller sind die Opernaufführungen im direkt am Canal Grande gelegenen Palazzo Barbarigo Minotto aus dem 15. Jhd. So muss der Ursprung der Oper gewesen sein: ein kleines Orchester (Klavier, 3-4 Violinen, Cello) und 3 Solisten, die sich mitten unter den max. 70 Zuschauern bewegen, singen, weinen, flehen und gestikulieren. Jeder Akt in einem anderen Saal – bei Kerzenschein. Und so wandert man vom großen Salone in die Sala Tiepolo (mit einem echten Tiepolo als Deckengemälde) in die Sala del Baldacchino, trinkt in der Pause ein Glas Prosecco und blickt dabei auf den Canal Grande. Ein Erlebnis!

Rudern in Venedig

Tipp Nr. 5 – Rudern auf Venezianisch

Was in Deutschland der Fußball, ist in Venedig das ‚vogare‘, das Rudern im Stehen – wie die berühmten Gondolieri! Und so sind alle meine venezianischen Bekannten und natürlich auch ihre Kinder in einem der vielen Ruderclubs. Der jährliche Höhepunkt ist natürlich die Vogalonga im Juni. Doch um die geht es hier gar nicht. Es ist vielmehr der ganz andere Blick auf Venedig, den man von einem dieser kleinen, zierlichen Boote gewinnt, die durch die Kanäle gleiten. Am Anfang ist es etwas gewöhnungsbedürftig: in einem wackeligen Boot stehen, das Gleichgewicht halten und dann auch noch mit nur einem Ruder voran zu kommen! Aber es macht ungemein viel Spaß und wenn man gar nicht mehr kann, lässt man sich einfach von den netten Trainerinnen durch die stillen Wasserstraßen des Sestiere Cannaregio rudern und genießt die besondere Aussicht auf Palazzi, Häuserfronten und versteckte Gärten, die man als Fußgänger sonst nie zu sehen bekäme.

Stoffkunst in Venedig bewundern

Tipp Nr. 6 – Bevilacqua und seine Stoffkunst

Im Jahr 1554 gab es 1200 Weber in Venedig – heute gibt es – in ganz Italien! – nur noch eine einzige Weberei (mit 7 Weberinnen), die die traditionelle Kunst der Seiden- und Samtherstellung pflegt: die Tessitura Bevilacqua. Wenn man die Weberei betritt, meint man einen Schritt in weit zurückliegende Jahrhunderte zu machen. Ihre Webstühle sind aus dem Jahr 1700, alles hat einen leicht muffigen Touch, in meterhohen Regalwänden stehen Lochplatten, denen man die Jahrhunderte ansieht. Denn auch heute noch wird nach den alten Mustern gefertigt. Es ist eine andere Welt, ein anderes Denken – doch hochmodern! Was die Weberinnen hier aus Seide und Wolle kreieren, ist Teil der Alta Moda (Armani, Gucci etc.), hängt als Wandbehang im Kreml und im Weißen Haus und bald auch in der Residenz in Dresden. Doch es dauert, denn pro Tag kann eine Weberin maximal 30 cm des kostbaren Tessuto herstellen! Für mich immer wieder ein faszinierendes Eintauchen in die venezianische Tradition.

Cappuccino in Venedig

Tipp Nr. 7 – Bottega del Caffè Dersut

Den für mich besten Caffè (abgesehen von jenem im traditionsreichen, aber leider ziemlich unfreundlichen Caffè Rizzardini) gibt es in der Bottega Dersut, direkt bei der Frari Kirche. Touristen sind hier kaum, dafür die Venezianer aus dem Sestiere San Polo. Sie kommen in der Früh für ihren morgendlichen Cappuccino, zwischendrin für einen schnellen Caffè (Espresso) und am Nachmittag dann nochmal für einen weiteren caffè. Die Auswahl an süßen Kleinteilen mag in anderen Bars reichhaltiger sein, aber was hinter der Vitrine bereit liegt, ist köstlich. Und ganz besonders ist die Freundlichkeit der Bedienungen: auch bei großem Andrang bleiben sie gelassen, lachen mit ihren Stammgästen (für die sie automatisch das Gewünschte hinstellen) und vermitteln Dir den Eindruck: wir wissen, dass der Caffè ein wichtiger Teil des Lebens ist! Bis um 11.00 Uhr kann man sich hier übrigens ohne Zusatzkosten an den Tisch setzen, eine der ausliegenden Zeitungen lesen oder die vorbei gehenden Touristen studieren. Einer meiner Lieblingsorte bevor ich zum Unterrichten gehe!

Eine tolle Perspektive: Venedig von der Dachterrasse

Zusatz-Tipp Nr. 8 – Fondaco dei Tedschi 

Im Fondaco dei Tedeschi sind leider sehr viele Touristen. Er ist ja auch eigentlich und in erster Linie für zahlungskräftige Touristen gestaltet worden. Abgesehen von der für mich sehr gelungenen Innenarchitektur, die dem Original nachgebildet wurde, gibt es hier eine wunderbare Dachterrasse, die man bei einem Venedig-Besuch auf jeden Fall begehen sollte. Mittlerweile ist es notwendig sich online zu registrieren. Das Ganze ist kostenfrei, allerdings ‚mit Termin‘ und auf 15 Minuten beschränkt. Doch diese 15 Minuten genügen: Du stehst auf der Dachterrasse und blickst über die ganze Stadt, die mehr als 100 Kirchtürme, die Kuppeln der Bauwerke, die Altane und Dachgärten. Direkt vor Dir die Palazzi am Canal Grande, links und rechts der Rialto Brücke, am Horizont di Alpen. Ein Anstehen (und Zahlen) am Campanile und auf der Isola di San Giorgio kannst Du Dir getrost sparen!

Mein erster Besuch Venedigs liegt mittlerweile schon vier Jahrzehnte zurück: wir fuhren damals von Punta Sabbioni, wo wir unsere Pfingstferien verbrachten, mit dem Schiff nach Venedig. Wie aufregend! Und gleichzeitig wie dreckig und fremd mir die Stadt damals vorkam! Aus den Kanälen stieg ein unangenehmer Geruch empor, alles wirkte irgendwie modrig.

Heute ist das ganz anders: Venedig ist an manchen Stellen viel zu modern (ich denke nur an die Bausünde am Campo Manin), mit viel Geld finanzieren Berühmtheiten die Renovierung ihres Zweit- und Drittanwesen, das Müllwesen ist perfekt organisiert und die Müllmänner/-frauen leisten großartige Arbeit. Und auch für mich hat sich natürlich viel geändert: aus dem Tagesausflug wurde 1 Woche vor Ort, dann drei Monate,  schließlich ein ganzes Studium und nun ein wunderbarer Arbeitsplatz. Doch ich glaube für jeden gilt: wer einmal eine ganze Woche in Venedig verbracht hat, sieht die Stadt mit ganz anderen Augen!

Und Du? Was sind Deine Erfahrungen in Venedig? Hast Du dort einen Lieblingsort?

Vielleicht möchtest Du etwas darüber erzählen? Ich würde mich sehr freuen mehr zu erfahren!